Historian Dominique Bourel is profiled in Rheinischer Merkur, discussing Moses Mendelssohn and Jewish life in Berlin.  The Enlightenment in Berlin was a particularly rich arena for conversations between people of different faiths, and Mendelssohn’s career and reputation reveals a progressive side to German history that is not present in the French Enlightenment.  Consequently, there is an uneven evaluation of German intellectual traditions when compared to French: the former are much more open, the latter more self-congratulatory.  He argues that Germany, particularly Prussia, was confronted with ethno-religious diversity very early in its national history, and thus had a greater impact on acculturation and integration than in France’s history.

Mendelssohn shows Europeans as much as Jews the possibility, even the necessity, of hybridization.

The unevenness stems from the importance accorded to the Holocaust.  Bourel agues that is is not the defining event of Jewish history.  Moreover, elimination was not, disagreeing with Goldhagen, the thrust of German-Jewish relations:

Adolf Hitler and his syphilitic band from Vienna had nothing to do with Prussian history.

The text of the articles is below the fold.  Hopefully I’ll translate more later.

„Voilà!“ Mit Schwung legt Dominique Bourel sein Buch auf den Tisch. Der Band hat Gewicht:800 Seiten über das Leben des Philosophen Moses Mendelssohn. Mehrere Jahre hat der polyglotte französische Gelehrte über den Begründer des modernen Judentums geforscht. Die Originalausgabe hat den deutsch-französischen Parlamentspreis erhalten, nun ist das Werk auf Deutsch erschienen. Am Vorabend hat Bourel sein Buch einer kleinen Berliner Runde vorgestellt, morgen reist er zurück nach Jerusalem, wo er seit zwei Jahren unterrichtet, in einer Woche wird er wieder in Paris sein, um an der Sorbonne zu lehren. Jetzt aber sitzt er in der Lobby eines Westberliner Hotels und spricht über Mendelssohn. Das heißt, er spricht über Deutschland.

Für Bourel ist der 1729 geborene jüdische Philosoph eine Figur des Übergangs: „Moses Mendelssohn bezeichnet gleichzeitig das Ende einer Welt und die Anfänge einer neuen“, schreibt er: „Er steht zwischen einer Tradition, die er bewahren will, und den Mitteln zu ihrer Auflösung.“ Den Geist der Moderne, die Bereitschaft zur Veränderung begreift Bourel als Merkmal des Deutsch-Jüdischen, das die eigentliche Stärke der deutschen geistigen Tradition ausmache. Taugt Mendelssohn als Modell für die Lösung von Integrationskonflikten?

Der Historiker legt die flache Hand auf sein Buch und lächelt: „Es geht um Toleranz, es geht darum, Unterschiede zuzulassen. Mendelssohn sagt das ganz offen: Solange ein Atheist nicht die Gesellschaft stört, darf er Atheist sein. Was sogar John Locke und andere, die sich für Toleranz aussprachen, ablehnten. Mendelssohn sagt: Entweder ist man tolerant oder nicht.“

Dominique Bourel spricht schnell, sein Deutsch ist fließend. Er studierte, außer in Harvard, in Mainz und Heidelberg, unter anderem bei Gadamer. Einzelne Worte und Sätze wirft er auf Französisch ein. Wenn er Deutschland sagt oder schreibt, meint er immer wieder auch Preußen, das Land, in dem 1671 die Juden, 1685 die Hugenotten, 1732 die Salzburger Protestanten und „überhaupt alles, was Europa an Jesuiten, Freidenkern und Opfern der alten Ordnung“ aufbot, eine Heimat fanden.

Die Mischung verschiedener Einflüsse mache die geschichtliche Leistung der Deutschen aus: „Ich glaube, in Berlin und Deutschland wurden die Menschen dauernd mit Fragen der Akkulturation, der Integration, der Assimilation konfrontiert. Unabhängig, wie sie darauf geantwortet haben: Die Frage war zumindest da. Anders als in Frankreich. Deswegen ist die deutsche intellektuelle Landschaft so fundamental anders als bei uns in Frankreich!“

Bietet also gerade die deutsche Tradition einen Schlüssel für die Zukunft? Frankreich, glaubt Bourel, sei zu unbeweglich und nicht in der Lage, die Herausforderungen der Gegenwart anzunehmen: „Uns Franzosen fällt es schwer, auf Schleier und Kopftuch zu reagieren, egal ob wir nun tiefgläubige Katholiken oder überzeugte Laizisten sind. In Deutschland hingegen gibt es eine Tradition des Umgangs mit weltanschaulichen Unterschieden: Katholiken und Protestanten, Calvinisten und Lutheraner, Christen und Juden. Den Sonderweg sind nicht die Deutschen gegangen, sondern die Franzosen.“

Gefunden haben die Deutschen, so glaubt Bourel, ihren Weg mit der Hilfe des kleinen, buckligen Mannes, der 1742 nach Berlin kam und eine der Zentralfiguren der europäischen Aufklärung wurde. „Mendelssohn zeigte den Europäern ebenso wie den Juden die Möglichkeit, ja die Notwendigkeit einer Vermischung, einer Hybridisierung“, heißt es in Bourels Buch: „dass jeder einem anderen gegenübersteht, nah oder fern, ,fast identisch‘ oder fremd, doch mit ihm untrennbar, auf Gedeih und Verderb, verbunden“.

Nicht nur Freunde, auch Gegner der Juden sahen in ihnen die Wegbereiter der Modernisierung – als Kraft, die von außen kam. Bourel betont die Gemeinsamkeiten von Deutschen und Juden: „Wenn es um Fragen der intellektuellen Modernität geht, glaube ich:Was den Deutschen die Juden, das sind den Europäern die Deutschen. Deutsch und jüdisch, das ist für uns das radikal andere.“ Ein anderes, das nicht nur durch den Kulturbruch des Holocaust bestimmt wird?

„Die meisten Franzosen glauben, das besondere Verhältnis zwischen Deutschen und Juden habe seine Wurzel in der Schoah“, sagt Bourel, „aber es gibt eine Brücke zwischen den beiden, die viel weiter zurückreicht“ – eben bis zu Mendelssohn. Ohne sein Judentum zu verleugnen, verkehrte er mit Kant auf Augenhöhe, für Lessing wurde er zum Vorbild des Weisen Nathan. Doch steht am Ende der Emanzipationsgeschichte der Untergang. Das sieht auch Bourel: „Wir wissen, dass das Modell nicht funktioniert hat. Außer in Amerika. Als bekennender Jude in einem europäisch geprägten Land leben zu können, das war die Botschaft Mendelssohns. Und bis 1933 haben die meisten Juden an sie geglaubt. Man kann nicht sagen, dass es eine Lüge war, weil es nicht geklappt hat.“

Das aber würde bedeuten, dass Daniel Goldhagens Behauptung von der kollektiven Schuld der Deutschen falsch ist. Und es würde bedeuten, dass der Holocaust nicht das Ziel der deutsch-jüdischen Geschichte war, als das er gerade jenen Deutschen erscheint, die sich selbstkritisch mit der Geschichte ihrer Nation befassen. „Ich glaube nicht, dass die Schoah ein Betriebsunfall war“, sagt Bourel, „aber ich glaube auch nicht, dass die Verbrecher immer die anderen sind. Wenn wir als Franzosen Goldhagen lesen, besteht die Gefahr, dass wir uns bestätigt sehen in unserem Bild von Deutschland, dass wir sagen:,Da sieht man mal wieder, so sind sie, die Deutschen, hängt halt mit Luther zusammen oder mit Wagner oder womit auch immer.‘“ Bourel glaubt das nicht: „In uns allen schläft ein kleiner SS-Mann. Adolf Hitler und seine syphilitische Bande aus Wien haben nichts zu tun mit der preußischen Geschichte!“

Da ist es wieder, Preußen als das fastideale Reich der Toleranz, jenes Preußen, in dem ein Jude zum „Platon der Deutschen“ wurde. Mendelssohn kam in das christliche Abendland, ohne in ihm als christlicher Denker aufzugehen. Der letzte Satz in Bourels Buch stimmt nachdenklich: „Mendelssohn war ein glücklicher Jude; ist er uns deshalb heute so fern?“Nach der Schoah jedenfalls wirkt die Idee eines geglückten Miteinanders von Deutschen und Juden wie eine Flucht vor der Geschichte.

„Aber sehr viele deutsche Juden waren glücklich“, beharrt Bourel: „Für viele französische Intellektuelle ist gerade das undenkbar.“ Zu Hause in Paris bewahrt Bourel einen Brief Alfred Grossers auf, den der große Publizist mit „un juif heureux“, ein glücklicher Jude, unterzeichnete. Als Bourel vor einiger Zeit im schwedischen Uppsala zu Gast war, bat man ihn, einen Vortrag über den Holocaust zu halten. Er lehnte ab. Sein Grund: „Ich beschäftige mich nur mit glücklichen Juden!“

So birgt der Blick auf Mendelssohn auch die Chance, die Fesseln der Geschichte etwas zu lockern: „Das erlaubt eine andere Sicht auf die Deutschen“, versichert Bourel: „Die deutsch-jüdische Leidenschaft gehört zur deutschen Geschichte.“ Sätze, die so anders klingen als etwa die von Gerschom Scholem, der von der deutsch-jüdischen Liebesbeziehung glaubte, siesei stets einseitig und unerwidertgeblieben.

Wenn der deutsch-jüdische Geist nicht von außen kommt, wenn das Jüdische zum Deutschen gehört, läge darin auch ein Trost. Die Geschichte wäre dann nicht nur von ihrem Ende her zu betrachten, sondern auch aus ihren Anfängen, nicht nur als eine der Verbrechen, sondern auch als eine der Hoffnungen. „Ja, genau“, sagt Bourel und wirft einen Blick auf Mendelssohns Porträt auf dem Buchumschlag: „Eh voilà! Man kann eben nicht alles nur auf Schuld aufbauen.“

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